Angehörigengespräche in der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg

Mag. Dr. Barbara Schleicher
Co-Autoren: Prim. Dr. Walter Löffler, Mag. Daniela Schneider (LNK Wagner-Jauregg Linz)
Alle: Gesundheit Österreich GmbH - Geschäftsbereich ÖBIG, 1010 Wien, Stubenring 6

Ausgangslage: Der plötzliche Tod von scheinbar gesunden Menschen trifft Angehörige völlig unerwartet und unvorbereitet. Es kommt zu unterschiedlichsten Reaktionen, die zwischen Traurigkeit, Fassungslosigkeit, Entsetzen und Nüchternheit schwanken. Auf diese unterschiedlichen Gefühlslagen müssen sich die Ärztinnen/Ärzte einstellen können, wobei sie für gewöhnlich nur wenig über das familiäre Beziehungsgeflecht, die Lebenssituation, die Einstellung zum Verstorbenen u.ä. Faktoren wissen. Insbesondere bei unerwarteten Todesfällen neigen die Angehörigen dazu, die Überbringer der Todesnachricht mit Vorwürfen wie dem „scheinbaren Versagen der Medizin“ zu überschütten. Im Falle einer beabsichtigten Explantation ergibt sich die zusätzliche Schwierigkeit die Angehörigen darüber zu informieren. In diesen „schwierigen“ Gesprächen mit Hinterbliebenen können nahezu alle Kommunikationsfallen und -defizite wirksam werden, die oftmals von Intensivmedizinern selbst nicht wahrgenommen werden.

Fragestellung: In Österreich ist bisher wenig über die Qualität von Angehörigengesprächen bekannt. Basierend auf einem halbstandardisierten Fragebogen sind „Angehörigengespräche“ in der Intensivstation unter dem Aspekt der Qualitätssicherung analysiert worden. Definierte Ziele der Befragung waren:

Studiendesign: In der aktuellen Studie sind Angehörige, deren Familienmitglieder in der Intensivstation der Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg (Linz) im Zeitraum Februar 2003 bis Juni 2005 verstorben sind, nach ihren persönlichen Erfahrungen befragt worden. Die Analyseergebnisse sind in mehrfacher Hinsicht interessant, einerseits weil sie die Erfahrungen und Bedürfnislagen von Angehörigen widerspiegeln und andererseits weil sie Defizite und Verbesserungspotentiale im intensivmedizinischen Alltag aufzeigen.

Zahl der Untersuchten: Insgesamt wurden 82 Angehörige kontaktiert, von denen 24 Personen ihre Bereitschaft zu einem persönlichen Interview bekundetet haben, was einer Beteiligungsrate von 29 Prozent entspricht. Obwohl aufgrund der Größe des Samples keine repräsentativen Aussagen möglich sind, lassen sich doch substanzielle Aussagen bzw. Trends über die verschiedenen Aspekte in der Angehörigenarbeit ableiten.

Resultate: In der Gesamtbewertung aller Gespräche (Erstdiagnose, Mitteilung über den kritischen Zustand, Todesnachricht und Information zur Organspende) kommen die befragten Angehörigen berufsgruppenspezifisch zu folgenden Ergebnissen:
Ärztinnen/Ärzte: Von 87 Prozent wird die allgemeinverständliche Vermittlung von medizinischem Fachwissen seitens der Ärztinnen/Ärzte als herausragend beurteilt. Andererseits fragen die Angehörigen seltener nach, da Medizinern eine berufsbezogene Autorität zugesprochen wird. Was die Rahmenbedingungen (Räumlichkeiten und Zeitbudget) sowie die Anzahl der geführten Gespräche betrifft, so zeigt sich hier ein Verbesserungspotential. Pflegepersonal: Von den meisten Angehörigen wird die emotionale, kommunikative Leistung des Intensivpersonals hervorgehoben und mit der Gesamtnote 1,5 beurteilt. Allerdings weisen 33 Prozent der Angehörigen auf den spürbaren Zeitdruck im Bereich der Intensivpflege hin.
Psychologie: In punkto Kommunikation erzielt die Klinische Psychologie die besten Einzelergebnisse, obwohl diese Berufsgruppe bei nur 45 Prozent der Angehörigengespräche hinzugezogen worden ist. Der Wunsch nach psychologischer Unterstützung in plötzlichen Todesfällen findet mehrfache Erwähnung.

Diese auf den ersten Blick erfreulichen Ergebnisse dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass immerhin 34 % der Befragten die Angehörigengespräche als „genügend“ bis „nicht genügend“ beurteilt haben.