Wie teuer ist das Sterben?
Stellungnahme zur Podiumsdiskussion

Klaus Piwernetz, Dr. med. Dr. rer. nat.
medimaxx disease management GmbH, Otto-Heilmannstr. 5, D-82031 Grünwald /München

Die Ausgaben für Krankheit wachsen mit höherem Lebensalter. Nach Angaben des Statistischen Budesamtes von 2002 steigen sie von etwa 1.000 € unter 15 Jahren bis auf 12.660 € für Frauen und 11.690 € für Männer (1).
Weitergehende Analysen zeigen, dass dies nicht direkt dem Alter geschuldet ist. Der über-wiegende Anteil der Kosten fällt in der letzten Zeit vor dem Tode an. Originaldaten einer der größten Kranken-kassen Deutschlands (AOK, N=430.000) aus dem Jahr 1997 zeigt, dass sich die Kosten für Kranken-haus-Aufenthalte in dem Jahr erheblich steigen, in dem die Personen verstorben sind (2). Die Kosten in der Altergruppe von 60 bis 64 Jahren sind um den Faktor 2,3 (w) oder 1,5 (m) höher gegenüber Patienten, die nicht verstorben sind. Jenseits des 90. Lebens-jahrs nivellieren sich die Unterschiede. Auf den ersten Blick überraschend ist dabei, dass bei einem Sterbealter zwischen dem 60. und 64. Jahren 2,6 mal mehr (w, ca. 27.000 DM) bzw. und 1,9 (m, ca. 20.500 DM) mal mehr ausgegeben wird als für Patienten, die jenseits des 90. Lebensjahrs versterben. Dabei reduziert sich die Dauer der Krankenhausaufenthalte vor dem Tod im höheren Alter deutlich (23 Tage vs. 40 Tage).
Noch deutlicher wird der Effekt bei sozialversicherten Medicare und Medicaid Patienten in USA (3): Dort liegen die Ausgaben für Patienten, die im Alter zwischen 65 bis 69 Jahren verstorben sind, um den Faktor 12 höher als für Patienten gleichen Alters, die noch länger lebten. Bei Patienten jenseits des 90.Lebens-jahrs liegen die Ausgaben immer noch um den Faktor 3,9 höher.
Der Schlüssel zum Verständnis liegt in der Analyse der Kosten in den letzten Monaten vor dem Tod (4). Die Kosten steigen vom 12. Monat vor dem Tod (ca. 1.000 US$) exponentiell an. Abhängig vom erreichten Lebensalter werden allein im letzten Monat zwischen 10.800 US$ (Alter 65-74 J.), 9.400 US$ (Alter 75-84 J.) und 6.300 US$ (Alter >= 85 J.) ausgegeben. Interessanter-weise haben sich die Proportionen in der Kosten-verteilung in den letzen 20 Jahren nicht geändert, allein die Preise sind absolut gestiegen (5).
Zusammengefasst kann man feststellen, dass nicht das Alter selbst der Grund für die hohen Aus-gaben ist, sondern das Sterben. Allein die mit dem Alter wachsende Sterbewahrscheinlichkeit steigert die Kosten für das Gesundheitssystem. Dies wird allerdings zum Teil dadurch relativiert, dass das Sterben im höheren Lebensalter mit geringeren Ausgaben verbunden ist. Wichtig ist festzuhalten, dass das nicht unbedingt Rationierung, Behand-lungsverweigerung oder gar niedrigere Behandlungs-qualität bedeutet.
Bedauerlicherweise liegen vergleichbare Daten in deutschsprachigen Ländern nur in bescheidenem Umfang vor. Die wissenschaftliche Debatte in englischsprachigen Ländern ist intensiver und ratio-naler, was letztendlich den Patienten am Ende des Lebens zugute kommt. So könnte die sachliche Auseinandersetzung mit den ökonomischen Aspekten des Sterbens den ethischen Zugang zu diesem Lebensabschnitt fördern und helfen, die Verwendung von Mittel in einer gelegentlich sinnentstellten Intensivbehandlung neu zu überdenken.

  1. Statistisches Bundesamt, 2002

  2. Brockmann H.: Social Sciences & Medicine. 2002. 55: 593-608

  3. Calfo S, Smith J, Zezza M: Last Year of life study. Centers for Medicare & Medicaid Services, Office for the Actuary. 1999

  4. Levinsky NG, Yu W, Ash A, Moskowitz M, Gazelle G, Saynina O et al. Influence of age on Medicare expenditures and medical care in the last year of life.
    Jama 2001; 286(11):1349-55.

  5. Lubitz JD, Riley, GF: Trends in Medicare Payments in the Last Year of Life.
    NEJM 1993. 328:1092-1096.