Gedanken von Herrn Erzbischof Dr. Alois Kothgasser

Wir leben in unserer westlichen aufgeklärten Welt vielfach in einer Gesellschaft, in der Schmerz, Leid, Krankheit und Tod gern aus dem persönlichen und öffentlichen Bewusstsein verdrängt werden. Auf der anderen Seite hoffen, ja erwarten die meisten Menschen in Krankheit, Leid und Tod liebende Zuwendung, die Linderung von Schmerz und Leid.
Vielen, denen die Diagnose der Unheilbarkeit mitgeteilt wurde, leben in der Angst vor dem Fortschreiten ihrer Krankheit. Zu den momentanen Beschwerden tritt die Furcht vor einer weiteren Verschlechterung. In einer solchen Wirklichkeit wird für viele der Sinn ihres Lebens brüchig. Der Kranke erwartet in dieser Situation von seinem Nächsten eine Hilfe, um das Leben bis zuletzt durchzustehen und es in Würde zu beschließen, wann Gott es will.
In dieser schicksalhaften Realität für jeden einzelnen Kranken leistet die Palliativmedizin unersetzbare Dienste. Kranke, Sterbende werden zur persönlichen Gestaltung ihrer letzten Lebensphase befähigt, soweit dies im Nachlassen ihrer körperlichen und geistigen Kräfte möglich ist. Dieses Engagement hat hohen menschlichen und christlichen Wert. Es zielt darauf ab, Gott als "Freund des Lebens" zu entdecken und im Leiden die frohe Botschaft herauslesen zu helfen: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10).
Die palliative Betreuung kranker und sterbender Menschen braucht aber wesentlich ein spirituelles Element. Der Kranke und Sterbende soll das "Pallium" spüren, die Ummantelung, in der er sich im Augenblick seines Leidens und Hinscheidens bergen darf. So gilt meine größte Wertschätzung all jenen, die sich in der palliativen Medizin und Betreuung für diese leidenden Menschen einsetzen. Hier wird die frohe Botschaft des Evangeliums konkrete und sichtbare Wirklichkeit: &Mac179;Was ihr für einen meiner geringsten Brüder (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan„ (Mt 25,40).

Dr. Alois Kothgasser
Erzbischof