Ethische Problemüberlegungen zur Palliativen Sedierung

Univ.-Prof. Dr. Günter Virt

Palliative Sedierung (PS) ist nicht nur unter dem Aspekt der fachlich richtigen Anwendung ein heikles Thema, sondern vor allem, weil in den Staaten, in denen Ärzte unter Einhaltung sog. Sorgfaltsbedingungen straffrei töten dürfen, PS zunehmend zu einer Methode der gezielten aktiven Euthanasie wird. Für eine ethische Bewertung müssen sowohl Gegenstand und Ziel sowie Absicht und Umstände einer Handlung gleichermaßen berücksichtigt werden. Wie so oft beginnen die ethischen Probleme mit der richtigen Begriffswahl, in der sich oft bereits verborgene Wertungen abspielen. Je nachdem, wie der Ausdruck „palliative“ oder „terminale Sedierung“ oder ein anderer Ausdruck gewählt wird, zeigen sich bereits unterschiedliche ethische Vorverständnisse.
Diese unterschiedlichen Vorverständnisse müssen in einem ethischen Diskurs geprüft werden. Dieser Diskurs beginnt mit der Reflexion auf die empirischen Grundlagen und die in der Sprache bereits enthaltenen Wertungen. In einem nächsten Schritt muß dieses Faktenwissen in eine Anthropologie integriert werden, die über den Sinn menschlicher Existenz und über den in der menschlichen Person zentrierten Sinn der Welt reflektiert. Die Anthropologie hat über die für das Gelingen von Menschsein wichtigen Güter - in unserem Fall Lebensverlängerung und Leidverminderung sowie Freiheitsförderung und -erhaltung systematisch nachzudenken und die Voraussetzungen für eine ethische Urteilsbildung zu schaffen, in der Sach- und Sinneinsichten miteinander vermittelt werden. Aus Sach- und Sinneinsichten gleichermaßen kann dann das ethische Urteil meist durch Güterabwägung unter dem Aspekt der Menschenwürde begründet werden .Hierbei spielen die Umstände einer Handlung eine wichtige Rolle: Handelt es sich bei dem Menschen, bei dem eine PS angewendet wird, um einen physisch relativ gesunden Menschen, oder um einen Patienten, dessen Krankheit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit geheilt oder zumindest gebessert werden kann, oder handelt sich um einen Patienten, der an einer unheilbaren, in absehbarer Zeit zum Tod führenden Krankheit leidet, oder handelt es sich um einen Patienten im terminalen Stadium seiner Erkrankung mit starken Schmerzen, die anders nicht beherrscht werden können oder um einen sterbenden Patienten, der keine schweren Leidenszustände erkennen lässt oder um einen Patienten, der im Rahmen einer intensivmedizinischen Behandlung bereits sediert ist. Bei diesen unterschiedlichen Situationen muß gefragt werden , ob es sich von Handlungsziel und Absicht um eine mehr oder weniger verschleierte Form aktiver Euthanasie handelt, oder um ein Zulassen des Sterbens ohne Tötungsintention, wenn jede weitere Behandlung sinnlos geworden ist oder um eine sog. indirekte Sterbehilfe als ultima ratio, wenn Schmerzzustände oder Symptome anders nicht mehr beherrschbar sind.
In den Niederlanden waren zwei Hauptargumente für die gesetzliche Akzeptanz der aktiven Euthanasie ausschlaggebend: die Transparenz und die Autonomie des Patienten. Beide Ziele konnten nicht erreicht werden, da bei der Billigung der Tötung durch Ärzte Patienten unter vielfältigen Druck geraten, den Wunsch nach rascher Lebensbeendigung zu äußern. Auch die Transparenz wurde nicht erreicht, da viele Ärzte ihre Tötungshandlungen nicht melden. Zudem werden jährlich ca. 1000 Fälle von sog. unfreiwilliger Euthanasie berichtet bei Menschen, die noch nicht oder nicht mehr verstehen, was es bedeutet, getötet zu werden .Eine sorgfältige Güterabwägung unter dem Aspekt der Menschenwürde muß sich bemühen, den ethisch relevanten Unterschied zwischen einer gezielten Tötung durch Tun oder Unterlassung einerseits von einem Zulassen des Sterbens andererseits immer besser herauszuarbeiten.
Lit. G. Neitzke, A. Frewer, Sedierung als Sterbehilfe?, in: Ethik in der Medizin (2004) 323-331.