Geriatrische Probleme in der Palliative Care–
Die komplexe Situation geriatrischer Palliativpatienten verstehen lernen

Dr. Martina Schmidl

Das typische Merkmal eines geriatrischen Palliativpatienten ist das Leiden an mehreren meist schweren chronischen und zum Teil weit fortgeschrittenen Krankheiten. Sehr häufig bestehen kurativ behandelbare Erkrankungen und Störungen (Infekte, Ulcera, Schenkelhalsfrakturen etc.) Monate oder Jahre neben Krankheiten und Symptomen, die palliativ zu behandeln sind. Diese komplexe Krankheitssituation verführt dazu, jede Krankheit und jedes Symptom einzeln und nacheinander zu betrachten, einzuschätzen und zu therapieren. Die Folge ist eine anwachsende Zahl verschiedenster Medikamente und Therapien mit den entsprechenden Wirkungen, Nebenwirkungen und Interaktionen, die wir nur schwer oder gar nicht mehr überblicken können. Wir vertiefen uns darum noch weiter in diese vielfältige Krankheitslandschaft in der Hoffnung, sie dann besser zu verstehen. Dabei verlieren wir manchmal - ohne es zu merken - den Kranken und seine Möglichkeiten mit seiner schwierigen Lebenssituation fertig zu werden, immer mehr aus den Augen.
Die Folge: Probleme und Beschwerden des Kranken nehmen zu. Der Patient fühlt sich überfordert und gequält durch - wie er es empfindet - ständige Untersuchungen, Nadelstiche, Mobilisationsversuche und zahlreiche andere durchaus gut gemeinte Maßnahmen, die der Kranke jedoch zunehmend als Belastung empfindet. Er fühlt sich in seinem Leiden letztendlich zutiefst unverstanden, denn in seinen Augen wird nichts wirklich besser, sondern er fühlt sich - ganz im Gegenteil - zunehmend schlechter.
Wir erkennen nicht, dass er seine eigene Prioritätenliste des Leidens hat, die nicht zwangsläufig mit unserer professionellen oder persönlichen Liste übereinstimmen muss.
Das gilt ganz besonders für demenzkranke Menschen.
Will man den Bedürfnissen eines hochbetagten oder dementen Menschen auch nur annähernd gerecht werden, geht es vor allem anderen darum, die Kunst der Kommunikation zu erlernen, um das Vertrauen des Kranken zu erlangen, die Kunst des Verstehens zu üben, um die für den Patienten wichtigen Prioritäten herauszufinden und die Kunst des freien
Entscheidens zu wagen, um im Sinne der Bedürfnisse des Patienten, notfalls auch gegen
derzeit gängige Ziele, zu entscheiden.