Beitrag zur Salutogenese aus der Sicht eines Betroffenen

Mag. Michael Mooslechner

Durch meine Krankheit (Akute Lymphatische Leukämie) habe ich drei Jahre stationär an die Uni-Klinik Innsbruck verbracht. Die vielfältigen Erlebnisse und Beobachtungen im und um das Spital sind ein reicher Schatz an Erfahrung, den ich seit meiner überraschenden und unerklärten Ge-nesung im Jahr 2000 verarbeite und in Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen mit anderen teile.
Meine zentrale Erfahrung ist, dass im Falle einer schweren Krebserkrankung ohne die wissenschaft--liche Medizin alles Nichts ist, dass hinsichtlich der Chance auf Wirkung und Genesung diese aber vom therapeutischen Umfeld stark abhängig ist. Die Behandlung unter gleichen medizinischen Standards kann unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen mehr oder weniger Erfolgschancen haben.
Vielfach wird in der populären öffentlichen Diskussion unerwartete Genesung von Patienten als „Leistung“ des Patienten selbst interpretiert. „Lebenswille“ und „Stärke“ hätten es möglich gemacht, die Krankheit zu überwinden. Die zweite populäre Konstruktion um Heilungen unter widrigen Bedingungen zu erklären ist der Verweis auf den Einsatz alternativmedizinischer Substanzen und Praktiken, die die „Selbstheilungskräfte“ aktiviert hätten. Bücher zu diesen Thesen füllen die Regale medizinischer Buchhandlungen.
Meine Erfahrung widerspricht diesen weit verbreiteten Erklärungsversuchen. Mit einem gewissen Fatalismus und ohne Inanspruchnahme so genannter alternativer Methoden bin ich meinen Weg von Chemotherapie zu Chemotherapie, zur Knochenmarkstransplantation über Rezidive zur finalen Spender-Lymphozytheninfusion und letztlich den Weg nach Hause zum Sterben gegangen.
Dieser Weg war begleitet von Menschen. Ärztinnen und Ärzten, meiner Frau, Krankenschwestern, Pflegern, Bettenfahrern, Freunden, den Reinigungsfrauen auf der KMT-Isolierstation, MTAs, Krankenhausmanagern, Seelsorgern, Psychoonkologen und vielen anderen. Diese Menschen sind letztlich jenes erweiterte „Therapeutische Team“, das wesentlichen Einfluss hat, den Patienten psychisch stabil zu halten und ihm hilft, schwere Krisen zu bewältigen.
Meine Erfahrung lehrt mich, dass in fast allen Menschen Ressourcen liegen, anderen Menschen in existenzieller Not zu helfen, unabhängig von Ausbildung und Beruf. Empathie und Humor sind essentiell. Das Freilegen dieser Potentiale in den Menschen, welche mit Schwerkranken oder Sterbenden zu tun haben ist eine Chance für die künftige Entwicklung der Medizin. Vielfach sind diese „heilenden“ Ressourcen aber blockiert durch übertriebene professionelle Abgrenzung oder durch scheinbare Sachzwänge und Überforderung.
Neben der Medizin heilt der Mensch den anderen Menschen. Dabei geschehen mitunter sogar „Wunder“.