Ist die Wahrheit zumutbar?

Dr. Arnold Mettnitzer

Tod, Krankheit, Älterwerden, die einschneidenden und entscheidenden Wenden des Lebens werden aus dem Alltag ausgeblendet und in Sonderbereiche verlegt. Unsere Sozialästhetik soll nicht durch leidende, hässliche, behinderte, sterbende Menschen beleidigt werden. Und je mehr wir das Leiden und Sterben von uns wegschieben, desto mehr müssen wir die Fiktion des leidensfreien und unsterblichen Menschen aufrechterhalten. In anderen Kulturen, und früher auch in unserer, war der Tod ein Teil des Lebens. Man erlebte das Sterben der Großeltern und Eltern, anderer Verwandter und zur Großfamilie Gehöriger immer wieder als eine irgendwie entfernte Vorbereitung auf den eigenen Tod. Das Sterben im Kreis der Familie, die Krankenbesuche, die Verabschiedung und die religiösen Bräuche um Kranke und Sterbende waren solcherart nicht nur eine Sterbe-, sondern auch eine Lebensschule. Wahrheit erscheint in diesem Kontext nicht nur als zumutbar, sondern als der Garant für Menschenwürde und stimmiger zwischenmenschlicher Beziehung. Ihre Vermittlung freilich erfordert die höchste Form von Empathie.