Notarzt und Palliativmediziner – ein Widerspruch?

Prof. Dr. Christian Madler

Notfallmedizin ist längst nicht mehr auf ihre Kernaufgabe, nämlich die Versorgung von Patienten mit akuten und vital bedrohlichen Störungen beschränkt. Als flächendeckend, rund um die Uhr und zeitnah verfügbare akutmedizinische Institution wird der Notarzt – auch im Rahmen sozialer Delegationen – immer häufiger mit Endstadien chronischer Erkrankungen konfrontiert. Patienten mit sauerstoffpflichtiger COPD, dekompensierter Leberzirrhose, malignen Erkrankungen im Finalstadium oder bei hochbetagten Patienten, bei denen der Sterbeprozess bereits eingesetzt hat, gehören heute zur Einsatzrealität. Hier gilt es, nicht mehr Leben zu retten, sondern palliative Maßnahmen zu ergreifen.

Ist es sinnvoll und gerechtfertigt, die „teure Ressource Notarzt“ in dieser Situation einzusetzen und ist der Notarzt hier die geeignete Instanz? Diese Fragen lassen sich anhand typischer Kasuistiken diskutieren. Fakt bleibt, dass der Notfallmedizin heute eine Indikatorfunktion zukommt. Sie wird neben ihren Kernaufgaben überall dort bemüht, wo Lücken im Versorgungsnetz bestehen. Dies gilt auf für supportive Leistungen bei chronischen Schmerzpatienten oder den Ersatz des Geriaters in Alten- und Pflegeheimen.

Die vordringliche Aufgabe für die Notfallmedizin besteht darin, Selbstverständnis, Ausbildungsinhalte und Organisationsstrukturen den neuen Forderungen anzugleichen und ihre Rolle als zentrales Public health-Element zu akzeptieren.

Notfallmedizin kann keinesfalls palliativmedizinische Einrichtungen ersetzen. Dennoch müssen Notärzte auf palliativmedizinische Einsätze vorbereitet sein, und Palliativmediziner sollten um die Möglichkeiten einer Kooperation mit notfallmedizinischen Einrichtungen wissen.