Entwicklung von Palliative Care in Südtirol

Dr. Thomas Lanthaler

Im Laufe der Geschichte säumten auch Südtirols Wege und Passübergänge Hospize im eigentlichen Sinne des Wortes: sie boten Wanderern und Hilfesuchenden Gastfreundschaft und Herberge auf ihrem Weg über die Berge oder zu den Wallfahrtsorten. So gibt heute noch das „Latzfonser Kreuz“ als Schutzhütte und höchstgelegener Wallfahrtsort Europas davon Zeugnis.
Breitete sich die Christianisierung in Europa von Süd nach Nord aus, so ging es mit der Hospizbewegung umgekehrt, die ihren modernen Ursprung in den angelsächsischen und skandinavischen Ländern hat. In Italien wurde 1987 relativ früh das erste Hospice in Brescia (Domus salutis) eröffnet, in Südtirol eröffnete die erste Palliativstation in Martinsbrunn bei Meran im November 2003.
Doch geht auch in Südtirol die Hospizidee und das Bemühen um Palliative Care bis zum Ende der 80er Jahre zurück. Damals trat das Katholische Bildungswerk mit Angeboten zu den Themen „Sterben, Tod und Trauer“ an die Öffentlichkeit. 1993 konstituierte sich eine Interessensgruppe, aus der 1994 die„Arbeitsgruppe Hospizidee“ hervorging und mit einer Fragbogenaktion Bedarf und Wirklichkeit in Südtirol erhob. Es wurde mit ausländischen Hospizeinrichtungen Kontakt aufgenommen. 1995 startete Projekt Elias mit P. Peter; der Verein plante im Kapuzinerkloster Lana ein stationäres Hospiz und ein Studienzentrum zur Sterbeforschung. Jedoch entschied sich die „Arbeitsgruppe Hospizidee“ vorerst für eine ambulante Betreuung durch ehrenamtliche HospizmitarbeiterInnen. 1996 wurde ein Schlusspunkt in der Tätigkeit der Arbeitsgruppegesetzt: Leitlinien zum Projekt “Hospizgemeinschaft“ wurden als Projekt „Caritas-Hospizgemeinschaft“ für drei Jahre von der Caritas übernommen. Ein Hauptamtlicher übernahm Auf- und Ausbauarbeit, ein Fachlicher Beirat wurde gegründet, es folgte eine Konzepterstellung und die Schulung Interessierter für das Ehrenamt. 1997 nahm die erste Gruppe ehrenamtlicher HospizmitarbeiterInnen die Tätigkeit auf, 1999 wurde in Bozen eine Koordinationsstelle errichtet, es folgten 2000 die Umbenennung von Hospizgemeinschaft in Hospizbewegung,
2001 die Koordinationsstelle in Bruneck für die östliche Landeshälfte und 2002 die Koordinationsstelle in Meran. Mittlerweile gibt es in Südtirol folgende Bezirksgruppen der Caritas-Hospizbewegung: Bozen & Überetsch-Unterland, Burggrafenamt & Vinschgau, Eisacktal & Pustertal.
Mitte der 90er Jahre brach dann der Gedanke von Palliative Care zunehmend durch, im ganzen Land regten sich Initiativen und begannen engagierte Menschen, sich weiterzubilden und ihre Überzeugung und ihr Wissen in den Alltag umzusetzen: in den Krankenhäusern, in den Sprengeln, zuhause, in Gesundheits- und Sozialwesen.
1999 machte die Südtiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SüGAM) eine repräsentative Umfrage zum Thema „Sterben zuhause“, die auch bei uns international bekannte Daten ergab: ca. 70 % der schwerkranken Patienten möchten daheim sterben,
Patienten selbst und deren Angehörige wünschen sich eine enge Zusammenarbeit zwischen Facharzt und Hausarzt, 60 % der betroffenen Personen sehen in der Krankenschwester die wichtigste Ansprechpartnerin bzgl. Pflege, Organisation derselben, Heilbehelfe u. ä., nur 40% der Befragten sind mit der ärztlichen Vertretung zuhause zufrieden. Ausgehend davon begannen einige Hausärzte initiativ zu werden und sich organisiert und strukturiert um Schwerkranke und Sterbende zu kümmern.
Ebenso 1999 wurde die Idee, in Martinsbrunn bei Meran eine Palliativstation zu errichten, in ein Grobkonzept gekleidet. Im selben Jahr wurden Dekrete und Gesetze zu Palliative Care erlassen, 2000 folgte ein Beschluss der Landesregierung, „Romkonzept“ 2000 mit anschließender Genehmigung, 2001 Dekret zu Palliative Care und Projektstart, erneuter Beschluss der Landesregierung, Vorarbeit und schließlich im Novemer 2003 Eröffnung des Palliativzentrums in Martinsbrunn. Das Zentrm arbeitet konventioniert mit dem Landesgesundheitsdienst, übernimmt Patienten aus allen vier Sanitätsbetrieben des Landes, beschränkt sich vorerst auf Tumorkranke und hat bisher 6 Betten. In den nächsten Jahren soll auf 12 Betten aufgestockt werden. Im Konzept vorgesehen ist auch ein Day Hospice, eine Ambulanz sowie ein Mobiles Team.
Weitere Initiativen zu Palliative Care starteten im Sprengel Obervinschgau, wo eine vorbildliche Integration von Gesundheits- und Sozialwesen erfolgte, engagierte ÄrztInnen und PflegerInnen regelmäßige Fortbildungen organisierten und als erste im Land auch einen Bereitschaftsdienst des Pflegepersonals für die Nacht einführten.
Pallitives Handeln fand natürlich zunehmend Einzug in die Krankenhäuser, wo es meist Frucht des Einsatzes von Einzelpersonen war und auf einzelnen Abteilungen wie Oasen leichter umsetzbar war. Erwähnenswert ist die Geriatrie 3 in Bozen, wo eine eigene Palliativstation entstand, die Onkologie in Bozen, die bis dato im ambulanten Setting arbeitet sowie die Hämatoonkologie in Meran, ebenfalls ambulant.

Im ganzen Land bemühten sich auch die Allgemeinärzte, Palliative Care zum Thema zu machen und in ihre Arbeit bewusst zu integrieren: vor allem Kommunikation, Schnittstellenproblematik, Schmerztherapie- und Symptomkontrolle sowie interdisziplinäres, multiprofessionelles Handeln wurden zunehmend aktuell.

Es etablierten sich auch einige Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen: mittlerweile wurden 2 deutschsprachige Südtiroler Palliativ-Lehrgänge (IFF) und ein italienichsprachiger (Schule Mailand) abgeschlossen; am Internationalen IFF-Lehrgang – er war dreimal in Meran mit einem Block zu Gast – waren jeweils auch Teilnehmer aus Südtirol dabei; der Palliativtag Sterzing im Herbst ist zu einem Fixpunkt mit großem Zuspruch geworden.
Im Landesgesundhheitsplan 2003-2005 wurde Palliative Care erstmals offiziell verankert: Die palliative Betreuung sollte vorzugsweise zu Hause gewährleistet werden durch
Aktivierung organisatorischer Modelle, Sensibilisierung der Bevölkerung bzw. der
Freiwilligenorganisationen, entsprechende Weiterbildung der professionellen Mitarbeiter, Möglichkeit des Zugangs zu spezialisierten Betten, wo diese Betreuung zuhause nicht möglich ist. Im Ressort für Gesundheitswesen wurde im Ausbildungsreferat mit dem ProgrammA Palliative Care ein besonderer Schwerpunkt gesetzt.

Inspiriert durch die SüGAM-Studie von 1999 sowie gemäß den Vorgaben des Landesgesundhheitsplans 2003-2005 wurde 2003 im Sanitätsbetrieb Brixen ein Projekt gestartet mit dem Titel: „Betreuung Schwerkranker und Sterbender zuhause“. Das Ziel war, den Patienten zu ermöglichen, dort zu sterben, wo sie dies wünschen, eine ausreichende Schmerz- und Symptombehandlung zu garantieren, die Verbesserung der Patienten-, Angehörigen- und Mitarbeiterzufriedenheit (Kommunikation, Information) anzustreben, stationäre Aufnahmen von terminalen und Palliativpatienten zu reduzieren, fachärztliche und psychoonkologische Konsulenz beim Patienten zu Hause zu ermöglichen und die Pflegenden Angehörigen zu betreuen. Es waren dafür im Sanitätsbetrieb Brixen bereits günstige Voraussetzungen: eine Paritätische Kommission (Fachärzte und Hausärzte) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Schnittstellenproblematik, es gibt funktionierende Sprengel mit motivierten Hausärzten und Krankenpflegern, die Größe des Betriebes ist überschaubar, im großteils ländlichen Gebiet übernehmen vielfach Angehörige noch die Pflege zuhause.
Der Integrierte Betreuungsansatz beruht auf folgenden Säulen: wichtigstes Instrument ist ein Übergabegespräch als Hilfe zur Einschätzung der palliativen Situation, Entscheidungsfindung und Planung; Kommunikation und Information zwischen Facharzt – Hausarzt – Krankenpflegedienst – Patient – Angehörigen; Dokumentation der wichtigsten Indikatoren auf einem Betreuungsbogen; Evaluation durch Fragebögen; regelmäßige interdisziplinäre Fallbesprechungen (moderiert, mit Einleitungsreferat). 2004 wurden 48, 2005 58 Patienten in der vorgesehenen Form betreut und dokumentiert, es fanden jeweils 42 bzw. 23 Übergabegespräche im Krankenhaus bzw. beim Patienten zuhause statt und es wurden in beiden Jahren 5 Fallbespechungen gemacht. Das auf einen Dreijahreszeitraum ausgelegte Projekt ist mittlerweile als Angebot und Auftrag in den medizinisch-pflegerischen Alltag integriert worden. Es hat in Südtirol und über die Grenzen hinaus Beachtung und Anerkennung gefunden und wird nun auch im Sanitätsbetrieb Meran als Modell übernommen.
Für die Zukunft ist ein landesweiter Dienst Palliative Care geplant, der alle diese schon vorhandenen Bausteine integriert und versuchen soll, alle Patienten des Landes in der für sie besten Organisationsform zu betreuen: zuhause, ambulant, im Day Hospice oder stationär. Das Palliative Netzwerk soll von einem ärztlichen Direktor und einer Pflegekraft koordiniert werden; eine wichtige Rolle, auch als Kompetenzzentrum, soll Martinsbrunn mit Betten für die westliche Landeshälfte spielen; für den Nordosten des Landes sind ebenso stationäre Betten geplant; Konsiliardienste und das Einbeziehen der Schmerzambulanzen der Krankenhäuser sind vorgesehen; ein fixer und wichtiger Partner werden die Basisärzte sein; auch das Volontariat ist im Plan berücksichtigt.

Die Hospizidee und das Wissen sowie Bemühen um Palliative Care hat sich in Südtirol seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ausgebreitet und entwickelt und ist inzwischen zum Thema geworden in Politik, öffentlichem wie privatem Gesundheits-system, bei den Freiwilligenorganisationen und dem Ehrenamt sowie vor allem unter der Bevölkerung. Es ist zu wünschen, dass mit der Einführung des Landesweiten Dienstes für Palliative Care alle Initiativen, vorhandenen Strukturen und Modelle bestmöglich gleichdsam unter einem Pallium integriert und koordiniert werden.