Palliativmedizinisch relevante Wirkungen der Cannabinoide

o.Univ.-Prof. Dr.med. Hans Georg Kress
B. Kraft

Cannabis sativa ist als psychotrope Droge, aber auch als Heilmittel seit dem Altertum bekannt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch in der westlichen Hemisphäre als Arznei im Gebrauch, wurde Cannabis erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Britischen und der US-Pharmakopoe gestrichen. Cannabis bzw. Vollextrakte aus der Pflanze enthalten ein Gemisch aus über 60 verschiedenen Cannabinoiden und sind gemäß der Single Convention weder verkehrsfähig noch rezeptierbar. In Österreich können aber Einzelkomponenten wie das delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC, Freiname: Dronabinol), der wichtigste Inhaltsstoff der Pflanze, und das synthetische THC-Analogon Nabilone® verordnet werden. In Canada ist seit kurzem auch eine Mischung aus Dronabinol und Cannabidiol als Sublingualspray (Sativex®) zugelassen.
Die moderne Grundlagenforschung lieferte inzwischen faszinierende Erkenntnisse über die Cannabinoidwirkungen und führte zur Entdeckung des physiologischen Cannabinoid-Systems mit körpereigenen Cannabinoiden (Endocannabinoide) und spezifischen Rezeptoren (CB1 und CB2). Während CB1-Rezeptoren im ZNS und verschiedenen Organen exprimiert werden, finden sich CB2-Rezeptoren vor allem auf Zellen des Immunsystems. Bei neuropathischen, neuroinflammatorischen oder neurodegenerativen Prozessen kann der CB2-Rezeptor aber auch im ZNS exprimiert werden. Gleichzeitig wurde bei diesen Erkrankungen eine vermehrte Endocannabinoid-Produktion gefunden. Die hohe CB1- Rezeptoren-Dichte in Hypothalamus und Amygdala, die eine wichtige Rolle bei der Schmerzverarbeitung spielen, weist auf die Bedeutung des Endocannabinoidsystems für die Schmerzmodulation und Schmerzverarbeitung hin. So wirkte in Tierversuchen das Endocannabinoidsystem der Entwicklung des „Schmerzgedächtnisses“ entgegen.
Die antiemetische und appetitsteigernde Wirkung von Cannabis war bereits lange bekannt. Schlüssige Tierversuche fehlen jedoch, nicht zuletzt weil Ratten nicht erbrechen können. Eine Metaanalyse von Tramèr über Cannabinoide bei Chemotherapie-assoziiertem Erbrechen konnte eine den meisten konventionellen Antiemetika überlegene Wirksamkeit der untersuchten Cannabinoide zeigen. Wir wissen heute außerdem, daß das körpereigene Cannabinoidsystem eine wichtige Rolle für Appetit und Nahrungsaufnahme spielt. Der Hypothalamus, der beide Funktionen steuert, weist hohe Endocannabinoide und CB-Rezeptoren-Dichte auf. Die Blockierung der CB1-Rezeptoren bei neugeborenen Mäusen führte zum Verhungern. Eine Aktivierung des Cannabinoidsystems durch Gabe endogener oder exogener Cannabinoide, wie etwa Dronabinol, bewirkte dagegen eine Steigerung der Nahrungsaufnahme. Zusammenfassend können mit ihren bekannten psychotropen und experimentell gezeigten additiven oder gar synergistischen analgetischen, antiemetischen und appetitsteigernden Wirkungen Cannabinoide zumindest theoretisch zu einer verbesserten Symptomkontrolle bei Palliativpatienten beitragen.