Lebensqualität im Alter, Therapie und Prophylaxe von Altersleiden.

Rudolf Likar, Günther Bernatzky, Wolfgang Pipam, Herbert Janig und Anton Sadjak (Hrsg.):
SpringerWienNewYork, 2005. XI, 355 Seiten. 61 Abb., 40 Tabellen, Broschiert Eur 39.80, ISBN 3-211-21197-7

Gut leben bis ins hohe Alter
Wie sollen wir mit dieser Herausforderung des 21. Jahrhunderts umgehen? Neues Buch weist Wege.


Die Sicherung der Lebensqualität im Alter sei angesichts weltweiter Zunahme älterer und alter Menschen an der Bevölkerung eine der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. So schreibt Josef Kytir von Statistic Austria im 2005 im Springer Verlag Wien erschienenen Band “lebensqualität im alter. therapie und prophylaxe von altersleiden“. Als Herausgeber zeichnen Rudolf Likar (Landeskrankenhaus Klagenfurt) und Günther Bernatzky (Universität Salzburg), Wolfgang Pipam (Landeskrankenhaus Klagenfurt), Herbert Janig (FH KärntenTechnikum) und Anton Sadjak (Medizinuni Graz) verantwortlich. Sie haben das Buch als Investition in die Zukunft ihren Kindern gewidmet.

47 AutorInnen setzen sich aus der Sicht verschiedener Disziplinen damit auseinander, wie unser aller Lebensqualität im Alter gesichert werden kann. Es geht dabei um viele Menschen: 150 Millionen Über-60-Jährige leben derzeit allein in Europa, fast 180 Millionen werden es in 20 Jahren sein, so Kytir, und auch in den Entwicklungsländern wird sich der Anteil bis 2050 laut UN-Prognosen verdreifachen.


Vorsorge beginnt bei den Kindern

Was von diesen vielen als Lebensqualität erlebt wird, ist sehr unterschiedlich. Es hängt jedoch wesentlich davon ab, welche Altersbilder in einer Gesellschaft vorhanden sind. Der Wiener Soziologe Leopold Rosenmayer sieht “für Ältere und Alte zurzeit noch keinen Platz in unserer Kultur“ und setzt deshalb auf “Mobilisierung der vorhandenen Kräfte der alternden Gesellschaft zum Aufbau einer nicht nur ökonomischen Selbstsorge“.

Einen Weg in diese Richtung zeigen Christa Erhart Susanne Schninaglund Peter Erhart, Geriatrieprimar an der Christian Doppler Klinik Salzburg, in ihrem vorgestellten primärpräventiven Generationenprojekt “Ein Schritt ins Alter“. Bereits mehrere tausend Kinder unternahmen dabei Zeitreisen in die eigene Zukunft. Mehrere hundert Erwachsene und alte Menschen wurden angeregt, aktiv an Vorsorgemaßnahmen mit zu arbeiten, die zu einer Verbesserung der Lebensqualität nicht nur der Betagten führen.

Unter dem Motto Vorsorge stehen besonders auch die Beiträge zur Ernährung und zu Sport und Bewegung im Alter. Der Salzburger Sportmediziner Alfred Aigner ermuntert junge wie ältere Menschen zu sportlichen Aktivitäten, “weil es dadurch gelingen kann, bis ins höhere Alter körperliche und psychische Leistungsfähigkeit und von fremder Hilfe unabhängig zu leben“. Unter den für ältere Menschen besonders geeigneten Sportarten nennt er Gymnastik, Tanz, Wandern, Dauerlauf, Nordic Walking, Skilanglauf und zügiges Gehen.


Mehr Lebensqualität mit Musik

Sowohl vorbeugend wie therapeutisch eingesetzt, kann Musik wesentliche Verbesserungen der gesundheitlichen und sozialen Situation älterer Menschen bewirken, so Günther Bernatzky und Horst-Peter Hesse in ihrem Beitrag. Alte Heilweisen, bei denen Musik erfolgreich eingesetzt wurde, gewinnen heute wieder an Bedeutung. Aktives Spielen von Instrumenten, Singen, Bewegung zur Musik, aber auch für das Hören von spezifisch ausgewählter Musik können “durch Anregung vitaler und psychischer Funktionen einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der Lebensqualität im Alter leisten“.


Schmerzen ernst nehmen

Einer der Hauptfaktoren, welche die Lebensqualität – nicht nur im Alter – negativ beeinflussen sind Schmerzen. “Schmerz ist auch im Alter ein wichtiger Warner“, schreiben Günther Bernatzky und Rudolf Likar, und daher ernst zu nehmen. Doch das Hauptproblem für die Mehrzahl älterer und alter Menschen sind ständig vorhandene oder immer wieder auftretende Schmerzen. Sie betreffen zumeist die Wirbelsäule, die Gelenke, die Knochen, die Muskeln, treten in Zusammenhang mit Tumorerkrankungen auf oder sind der Ausdruck seelischer Leiden, die im Körper zum Ausdruck kommen. Was heute mit verschiedenen Methoden zur Schmerzlinderung getan werden kann, ist Inhalt einer ganzen Reihe von Beiträgen des Buches.

Weitere Beiträge befassen sich mit neurologischen Problemen, mit Kopfschmerzen oder Schmerz und Demenz im Alter. Seelischer Schmerz und psychosozialer Stress spielen gerade auch im letzten Lebensdrittel eine besondere Rolle. Erheblicher Stress mit allen negativen Folgen wird bei alten Menschen beispielsweise dadurch hervorgerufen, dass sie sich mit ihrer Umwelt zunehmend schlechter verständigen können. Primaria Marina Kojer, Wien, macht deutlich, wie Kommunikation mit alten Menschen gelingen kann: Sie braucht Zeit, Geduld, Respekt, Wertschätzung und eine “gemeinsame Sprache“.


Den Menschen als Ganzes sehen

In all dem kommt zum Ausdruck, dass erfolgreiche Prophylaxe und Therapie von Altersleiden, eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen erfordert. Es braucht die Beiträge vieler Disziplinen und eine Bewusstseinsveränderung beim Einzelnen und der Gesellschaft als Ganzes, die sich dann auch in politischen Entscheidungen niederschlägt. Das 355 Seiten umfassende Buch “lebensqualität im alter“ gibt auf der Basis wissenschaftlicher Forschung und von Praxiserfahrungen Informationen dazu und zeigt gangbare Wege auf.


Neue Kultur des Sterbens

Eine wesentliche Entscheidung, vor die sich das medizinische Personal heute immer wieder gestellt sieht, ist in diesem Buch eindeutig entschieden: Beim alten Menschen steht die (Sicherung von) Lebensqualität (bis zum Ende) und nicht die Lebensverlängerung im Vordergrund, wie etwa der Internist und Psychotherapeut Johann G. Klocker, Klagenfurt, in seinem Beitrag über Lebensqualität bei betagten Krebspatienten, darstellt.

Damit verbindet sich jedoch keinesfalls der Ruf nach Lebensverkürzung bzw. (aktiver) Sterbehilfe. Der Internist Anton Heiser, Diakonissenkrankenhaus Salzburg, befasst sich im Schlussbeitrag mit Ethik, Sterbehilfe und der gesetzlichen Situation in Ländern wie Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien und Österreich. Er fordert, dass der Hospizgedanke in unsere soziale Gesetzgebung, in die ärztliche Ausbildung und in die medizinische Fortbildung nicht nur Eingang findet, sondern selbstverständlich wird: “Wenn wir wieder eine Kultur des Sterbens finden, würde der Ruf nach aktiver Sterbehilfe bald verblassen.“

Kontakt: Univ.-Prof. Dr. Günther Bernatzky (Universität Salzburg): Tel. 0662-8044-5627, e-mail: guenther.bernatzky@sbg.ac.at
Oder: Univ.-Doz. Dr. Rudolf Likar (Krankenhaus Klagenfurt, Schmerzzentrum): Tel. 0463-538-26120 oder Handy: 0664-3373543 e-mail: r.likar@aon.at